Passfoto, 1920

Kafka hatte lebenslang einen nur kleinen, doch konstanten Kreis von Freunden, die überwiegend in seiner Heimatstadt Prag ansässig waren.

Die einzige durch Briefe dokumentierte Freundschaft, die noch in Kafkas Schulzeit zurückreicht, ist die zu Oskar Pollak. Diese Bindung löste sich offenbar auf, als Pollak nach seinem Studium Prag verließ.

Als 20jähriger lernte Kafka dann Max Brod und Felix Weltsch, bald darauf auch Oskar Baum kennen. Es wurde ein wöchentliches Treffen in der Wohnung Baums vereinbart, bei dem die Freunde einander aus ihren Manuskripten vorlasen. Diese Beziehungen blieben für Kafka die intensivsten, er hielt sie bis zu seinem Tod aufrecht. Vor allem Max Brod entwickelte sich, trotz beträchtlicher Unterschiede in Charakter und Mentalität, für Kafka zu einem ›Lebensmenschen‹, der ihn nicht nur psychisch stützte, sondern auch fortwährend zur literarischen Produktion zu motivieren suchte.

Kafkas Freundschaft zu gewinnen, war schwierig. Das lag vor allem daran, dass er sich aufgrund seiner schwankenden psychischen Verfassung scheute, Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten zu übernehmen; häufig verharrte er in einer Halbdistanz, um sich die Möglichkeit des zeitweiligen Rückzugs offenzuhalten. Wurden diese von Kafka gesetzten Spielregeln nicht akzeptiert, konnte es sogar zum Bruch kommen — so erging es dem Schriftsteller Ernst Weiß. Auch der Schauspieler Jizchak Löwy war von Kafkas Zurückhaltung zeitweilig enttäuscht. Schließlich musste auch der Medizinstudent Robert Klopstock, die einzige ›neue‹ Freundschaft in Kafkas späten Jahren, einen behutsamen und möglichst wenig vereinnahmenden Umgang erst erlernen.

Verschärft wurden diese Probleme zum einen durch den Weltkrieg, der Reisen unmöglich machte und dadurch Kafkas soziale Kontakte auf Prag beschränkte; zum anderen aber durch die Tuberkulose, die ihn zu monatelangen Kuraufenthalten in abgeschiedenen, stadtfernen Gegenden zwang, wo er — mit Ausnahme Klopstocks — keine adäquaten Gesprächspartner fand.

Kafka war, vermutlich schon als Kind, psychisch auffallend isoliert, zeitweilig vereinsamt. Er war jedoch keineswegs sozial isoliert, sondern hatte in Prag zahllose Bekannte: ehemalige Klassenkameraden und Kommilitonen, Teilnehmer von Diskussionsforen (›Lese- und Redehalle‹, ›Fanta-Kreis‹), Kollegen und Klientel der Arbeiter-Unfall-Versicherung, Angestellte aus dem Geschäft der Eltern, literarische Kaffeehausbekanntschaften wie Franz Werfel und Otto Pick, nicht zuletzt auch etliche junge Zionisten, die er wiederum durch Vermittlung Brods kennenlernte. Da sich alle diese Bekannten überwiegend in der Prager deutschsprachigen Altstadt bewegten, kam es fortwährend zu zufälligen Begegnungen — wohl einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Kafka seine Heimatstadt als eng und bedrängend, die Anonymität fremder Metropolen wie Berlin und Paris hingegen als befreiend empfand.



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