Die Ratte im Palais

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Antikvariát Ztichlá klika, Prag

Im Sommer einmal ging ich mit Ottla Wohnung su­chen, an die Möglichkeit wirklicher Ruhe glaubte ich nicht mehr, im­merhin ich ging suchen. Wir sahen einiges auf der Kleinseite an, immerfort dachte ich, wenn doch in einem der alten Palais irgendwo in einem Bodenwinkel ein stilles Loch wäre, um sich dort endlich in Frieden auszustrecken. Nichts, wir fanden nichts Eigentliches. Zum Spass fragten wir in dem kleinen Gässchen nach. Ja, ein Häuschen wäre im November zu ver­mieten. Ottla, die auch, aber in ihrer Art, Ruhe sucht, ver­liebte sich in den Gedanken, das Haus zu mieten. Ich in meiner eingeborenen Schwäche riet ab. Dass auch ich dort sein könnte, daran dachte ich kaum. So klein, so schmutzig, so un­bewohnbar, mit allen möglichen Mängeln. Sie bestand aber darauf, liess es, als es von der grossen Familie, die drin ge­wohnt hatte, ausgeräumt war, ausmalen, kaufte paar Rohrmö­bel (ich kenne keinen bequemeren Stuhl als diesen), hielt es und hält es als Geheimnis vor der übrigen Familie.

 

Ab Ende November 1916 und den ganzen folgenden Winter nutzte Kafka das winzige, von seiner jüngsten Schwester Ottla gemietete Häuschen in der Alchimistengasse auf dem Hradschin als Schreibstube. Dennoch suchte er weiter nach einer eigenen Wohnung und erhielt noch im November das Angebot, im Palais Schönborn auf der Kleinseite eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Bad zu übernehmen. Zunächst erschien ihm das als »die Erfüllung eines Traumes«, doch dann waren ihm die »überhohen kalten Zimmer zu prachtvoll« – es herrschte Kohlennot –, und er war auch nicht bereit, den geforderten Abstand von mehr als einer Jahresmiete zu zahlen. Im Frühjahr 1917 bezog er dann im selben Palais eine etwas weniger prächtige Wohnung, zu der allerdings ein wiederum »riesenhaft großes« Zimmer gehörte.

Als Kafka Ottla gleichsam zum Einstand ein Exemplar von Das Urteil auf dem Tischchen in der Alchimistengasse hinterließ, stand er noch ganz unter dem Eindruck der Räume im Palais Schönborn. Ottla war mit diesem Umstand natürlich vertraut, als sie die selbstironische Widmung las: »Meiner Hausherrin. Die Ratte vom Palais Schönborn. 24./XI 16«. Als sie stolz ihrem Geliebten davon berichtete, unterschlug sie jedoch die Ratte, die den gestrengen Josef David sicherlich befremdet hätte.

Der Vorgang ist ein charakteristisches Beispiel dafür, wie sich in Kafkas Wahrnehmung Metaphern verselbständigen. Gewiss lag es nahe, dass er sich in den Palastzimmern, die ihm anmuteten »wie etwa in Versailles«, mit seiner Vorliebe zu Tiervergleichen als Ratte imaginierte, als ungebetener Besucher, dessen Körper nicht zur Behausung passt. Doch als er im Februar 1917 in einem Brief an Felice Bauer die Geschichte der Wohnungssuche ausführlich erzählte, da schien es ihm, als habe er von vornherein schon »in einem der alten Palais irgendwo in einem Bodenwinkel ein stilles Loch« gesucht. Und schließlich gefunden.

 

Quelle: Brief an Felice Bauer, vermutlich Februar 1917, in: Franz Kafka, Briefe 1913– März 1914, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main (S.Fischer) 1999, S. 287-291.