Späte Erzählungen

Entstehung

Nach mehr als einjähriger Pause setzte Anfang 1922 in Spindelmühle im Riesengebirge eine neue, äußerst intensive Schaffensphase ein, in der Kafka trotz seiner schlechten körperlichen Verfassung und trotz schwerer psychischer Krisen zahlreiche literarische Projekte in Angriff nahm und teilweise auch vollendete: Neben dem Roman Das Schloss entstanden die umfangreichen Fragmente Forschungen eines Hundes und Der Bau, einige kürzere Prosastücke (u.a. Von den Gleichnissen) sowie die vier Erzählungen, die später im Hungerkünstler-Band zusammengefasst wurden: Erstes Leid, Eine kleine Frau, Ein Hungerkünstler sowie Josefine, die Sängerin, oder Das Volk der Mäuse.

Bis heute ungeklärt ist, ob Kafka in den etwa sechs Monaten, die er gemeinsam mit Dora Diamant in Berlin verbrachte, noch weitere, nicht überlieferte Texte verfasste (etwa den im Manuskript fehlenden Schluss von Der Bau). Als Max Brod nach Kafkas Tod dessen Nachlass sammelte, richtete er eine entsprechende Anfrage auch an Dora Diamant. Sie übergab ihm das Manuskript von Der Bau; weitere etwa zwanzig Notizhefte habe sie jedoch auf Kafkas Bitte und in seiner Gegenwart verbrannt. Das war mutmaßlich die Unwahrheit: eine Maßnahme, um die Veröffentlichung ›privater‹ Aufzeichnungen zu verhindern. Tatsächlich gingen die bei Dora Diamant verbliebenen Papiere Kafkas erst 1933 bei Hausdurchsuchungen durch die Gestapo verloren, ebenso die Briefe Kafkas an Dora, in die sie niemandem Einblick gewährt hatte.

Formen und Themen

Bereits seit 1916 ist bei Kafka eine Vorliebe für Prosaformen zu beobachten, die weniger erzählerisch als reflexiv sind (z.B. Legenden, Parabeln, Gleichnisse); häufiger sind es nicht Ereignisse oder Dialoge, sondern paradoxe Zuspitzungen, welche die Texte unter Spannung setzen. Diese Reflexion richtete Kafka zeitweilig auch auf sehr abstrakte Gegenstände – etwa erkenntnistheoretische Probleme oder religiöse Begriffe (»Paradies«, »Sünde«). Das Gefühl, endgültig gescheitert zu sein – möglicherweise auch ein Bewusstsein des nahen Todes –, veranlassten ihn jedoch ab 1922 dazu, sich wieder in einem konkreteren Sinne den eigenen Lebensproblemen zuzuwenden und Bilanz zu ziehen (das gilt auch für die Tagebücher).

Vor allem beschäftigte Kafka die Frage, warum und mit welchem Recht er so viele Optionen des Lebens dem Schreiben geopfert hatte. So lassen sich allein drei der vier Hungerkünstler-Texte als Variationen ein und desselben Themas verstehen: der lebensfeindliche, alles verzehrende Anspruch der Kunst und dessen Fragwürdigkeit. In allen drei Erzählungen (Erstes Leid, Ein Hungerkünstler, Josefine, die Sängerin) geht es um Figuren, die ihre ›Kunst‹ für absolut nehmen, während aus der Distanz des Erzählers deutlich wird, dass es sich gleichsam um Übungen im luftleeren Raum handelt, die ihre Legitimität allenfalls aus sich selbst beziehen; und im Fall des Hungerkünstlers nicht einmal das. Bemerkenswert ist, dass Kafka ausgerechnet in seinem letzten Werk (Josefine, die Sängerin) gegenüber den maßlosen Forderungen der Kunst die relativ entspannteste Haltung einnimmt: Die angebliche Sängerin wird vom Publikum geduldet und am Ende vergessen.

Eine besondere Stellung nimmt die Erzählung Der Bau ein, in dem ein Ich-Erzähler – wiederum ein Tier – mit Stolz über sein System einer allumfassenden Gefahrenvermeidung berichtet. Es gibt wohl in der Weltliteratur keinen vergleichbaren Text, der den Leser mit derartiger Raffinesse ins Innere eines paranoiden Geistes zieht: Unmerklich, beinahe spielerisch wird die Schwelle überschritten, hinter der die wohldurchdachten Maßnahmen das zu schützende Leben selbst beherrschen und ersticken. Auch in diesem Text verallgemeinert Kafka das Problem einer Charakterschwäche (»Beamtenhaftigkeit«) zu einer existenziellen Versuchung.

Publikation

Kafka bemühte sich ab 1922 erneut selbst darum, seine »Geschichten« in literarisch möglichst hochrangigen Zeitschriften unterzubringen: So erschien Erstes Leid in Kurt Wolffs Zeitschrift Genius; Ein Hungerkünstler erschien zuerst in der Neuen Rundschau.

Aufgrund von Beratungen mit Ernst Weiß und Max Brod – die mit der Betreuung durch den Kurt Wolff Verlag ebenso unzufrieden waren – entschloss sich Kafka, mit seinem nächsten Buch zu einem anderen Verlag zu gehen: Er bot die vier Hungerkünstler-Erzählungen dem erst 1922 gegründeten Berliner Verlag ›Die Schmiede‹ an – nicht zuletzt aus Geldnot, da er hier auf einen sofortigen hohen Vorschuss rechnen konnte.

Das anfängliche Vertrauen Kafkas – mehrere Autoren, die er persönlich kannte, publizierten ebenfalls in der ›Schmiede‹ – erwies sich jedoch als verfrüht, denn der Verlag arbeitete nachlässig, und die Verlagsleiter agierten dilettantisch. Obwohl sie von Brod darüber unterrichtet waren, dass der Autor diese Buchveröffentlichung unbedingt noch erleben wollte und daher Eile geboten war, hatte der extrem geschwächte Kafka bis in seine letzten Tage an den Korrekturen zu arbeiten. Ein Hungerkünstler erschien dann erst im August 1924, zwei Monate nach Kafkas Tod.