Der Process

Entstehung

Der Process gehört zu denjenigen Werken Kafkas, bei denen sich ein unmittelbarer biografischer Anlass nachweisen lässt: die Auflösung der Verlobung mit Felice Bauer. Kafka hat diese Trennung vor allem deshalb als traumatisch erlebt, weil sie sich in Anwesenheit zweier Zeuginnen abspielte, die ihm im Hotel ›Askanischer Hof‹ in Berlin wie Geschworene gegenüber saßen. Dass sich hier dem Juristen Kafka die Metaphorik des Gerichts aufdrängte, ist naheliegend.

Anfang August 1914, etwa vier Wochen nach dem »Gerichtshof« in Berlin und eine Woche nach Beginn des Ersten Weltkriegs, begann Kafka mit der Niederschrift des Romans. Es war nach eineinhalb Jahren Pause der zweite große kreative Schub, den Kafka trotz der kriegsbedingt widrigen Umstände bis an die Grenzen seiner physischen Kraft auszunutzen suchte. So entstanden neben dem Process weitere Texte, vor allem die Erzählung In der Strafkolonie.

Der Process ist das einzige Werk Kafkas, das nicht in linearer Abfolge entstand: Es lässt sich nachweisen, dass er zuerst das Eingangs- und das Schlusskapitel niederschrieb: Verhaftung und Hinrichtung des Protagonisten. Möglicherweise erhoffte sich Kafka davon, den Schreibprozess zu disziplinieren und die Gefahr des vorzeitigen Abbruchs zu bannen. Ende Januar 1915 riss die Konzentration jedoch ab, und Kafka gelang es trotz mehrerer Anläufe nicht mehr, den Roman zu vollenden.

Form und Gehalt

Der Process gilt als Kafkas Hauptwerk, mit Sicherheit ist es sein weltweit bekanntestes, meistzitiertes Werk. Auch der modische Begriff ›kafkaesk‹ wird am häufigsten im Zusammenhang mit Situationen verwendet, die den Erlebnissen des Angeklagten Josef K. ähneln: die Erfahrung einer absurden, lebensfeindlichen und sich verselbständigenden Bürokratie.

Die unvermindert anhaltende Wirkung des Romans resultiert wohl vor allem daraus, dass Kafka hier eine bezwingende Verschmelzung von Form und Inhalt gelang. Geschildert wird der Versuch eines Mannes, ein völlig rätselhaftes Ereignis, die eigene Verhaftung, zu bewältigen und aufzuklären. Doch Kafka gibt darüber niemals mehr preis als das, was auch der Angeklagte erfährt. Dadurch wird der Leser in dessen Perspektive hineingenötigt, es entsteht eine Sogwirkung, ähnlich einem Kriminalroman: Auch der Leser des Process fiebert einer Erklärung, einer Auflösung entgegen.

Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Grenzen des Verstehens selbst wiederum zum expliziten Thema des Romans werden. Im Kapitel ›Im Dom‹ wird vorgeführt, wie ein scheinbar einfacher Text — die berühmte ›Türhüter-Legende‹ — bei genauer Betrachtung in unauslotbare Abgründe führt.

Andererseits gibt Kafka dem Leser aber auch Mittel an die Hand, um sich aus der Identifizierung mit dem Helden zu lösen. Josef K. spricht von Unschuld, verhält sich aber wie ein vom schlechten Gewissen Getriebener (und wird von Kafka im Tagebuch auch ausdrücklich als ›schuldig‹ bezeichnet). Der Widerspruch zwischen der mit Mühe aufrecht erhaltenen rationalen Fassade und der tatsächlichen Verfassung des Angeklagten führt immer wieder zu Szenen, die zwischen Grauen und Komik oszillieren. Auffallenderweise erlischt dieses komische Moment im Schlusskapitel: nicht wegen der Hinrichtung selbst, sondern weil sich Josef K. hier über seine eigene Lage erstmals im Klaren ist, ja überhaupt zum ersten Mal sich auf sich selbst konzentriert anstatt auf die Chimären des Gerichts.

Ein weiterer Grund für die nachhaltige Wirkung des Process ist sicherlich, dass er sich auf die Zustände in totalitär regierten Staaten beziehen lässt. Man hat sogar von ›prophetischen‹ Vorwegnahmen des Stalinismus und Nationalsozialismus gesprochen. Das geht allerdings am Kern des Werks vorbei: Kafkas Gericht ist zwar undurchschaubar, verfährt aber keineswegs willkürlich und bleibt selbst gegenüber Regelverstößen eigentümlich passiv; ja, man kann sogar zeigen, dass alle seine Aktionen vom Angeklagten gleichsam provoziert werden.

Unbestreitbar ist hingegen, dass Der Process Erfahrungen thematisiert, die sämtliche modernen Massengesellschaften prägen und die Kafka aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit wohl deutlicher vor Augen standen als anderen zeitgenössischen Autoren: Selbstentfremdung, Vernichtungsängste, Desorientierung, Anonymität und die aktenmäßige ›Erfassung‹ des Menschen. Vor allem Kafkas Verfahren, das jeweils Nächstliegende mit fotografischer Genauigkeit zu schildern, den Sinn des Ganzen jedoch völlig im Dunkeln zu lassen, spiegelt genau das Lebensgefühl in großen sozialen Systemen, in denen jeder ›informiert‹ ist, die jedoch jenseits des eigenen Funktionierens keinen ›Sinn‹ mehr vermitteln.

Publikation

Der Process ist das erste umfangreiche Werk Kafkas, das Max Brod aus dem Nachlass herausgab (Verlag Die Schmiede, Berlin 1925). Zuvor war aus dem Roman lediglich die ›Türhüter-Legende‹ bekannt geworden (Vor dem Gesetz, 1915).

Die Handschrift wirft außergewöhnliche editorische Probleme auf. Denn Kafka hat zwar die Manuskriptblätter zu Kapiteln gebündelt, jedoch die Reihenfolge dieser Kapitel nirgendwo definiert. Die Festlegung einer plausiblen Reihenfolge bleibt demnach Sache des Herausgebers — ein beliebtes Spielfeld der Kafka-Philologie. Außerdem gibt es eine Reihe unvollendeter Kapitel, bei denen nicht immer klar zu erkennen ist, wo ihr Ort im Kontext des vollendeten Process gewesen wäre; ja, es gibt sogar Kapitel, bei denen unklar ist, ob Kafka sie weiterführen wollte. (Zu schweigen davon, dass Kafka möglicherweise auch zwischen die vollendeten Kapitel noch weitere Kapitel eingeschoben hätte.)

Die von Malcolm Pasley herausgegebene Kritische Ausgabe des Romans, die 1990 im S.Fischer Verlag erschien, bietet einen Kompromiss: Diejenigen Kapitel, die eindeutig fragmentarisch sind und auch nicht plausibel einzuordnen sind, wurden hier im Anhang ›Fragmente‹ versammelt (insgesamt ca. 40 Druckseiten). Eine andere, radikale Lösung realisiert die Historisch-Kritische Ausgabe des Stroemfeld Verlags: Hier sind die von Kafka gebündelten Seiten als separate, faksimilierte Hefte abgedruckt, deren ›richtige‹ Reihenfolge demnach unbestimmt bzw. dem Leser überlassen bleibt.

Populär wurde Der Process nicht zuletzt auch durch die Verfilmung von Orson Welles (1962), mit Anthony Perkins in der Rolle des Angeklagten (siehe Foto).