Kafka bekommt Post von einem Leser

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Literaturarchiv Marbach a.N.

Sehr geehrter Herr,

Sie haben mich unglücklich gemacht.

Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären.

Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß auch keine Erklärung.

Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kusine gegeben und die hat auch keine Erklärung.

Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll Ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos.

Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg ich nicht.

Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.

Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst Dr Siegfried Wolff

Der Brief vom 10. April 1917 ist keinesfalls, wie zunächst vermutet, ein Ulk von Kafkas Berliner Bekannten. Siegfried Wolff gab es tatsächlich, er wurde 1880 in Ilvesheim (Baden) geboren. Ab 1904 war er Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Zeitung, er promovierte 1912 in Tübingen und war später im Vorstand mehrerer Berliner Banken tätig. Im Frühjahr 1915 wurde er im Kriegseinsatz verwundet. Wolff starb 1952 in Haifa. (Weitere Einzelheiten siehe Jochen Meyer, ›Diese Suppe hat ihm Kafka eingebrockt. Was haben 'Die Verwandlung', ein Berliner Bankdirektor und Hedwig Courths-Mahler miteinander zu tun? Eine Spurensuche‹, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Juli 2006, S. 53.)
 

Quelle: Franz Kafka, Briefe 1914–1917, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Frankfurt am Main (S. Fischer) 2005, S. 744.