Kafka schreibt hebräisch

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Archiv Kritische Kafka-Ausgabe, Wuppertal

Ich verstehe nicht alle Deine Sorgen wegen der Widerstände Deiner Eltern gegen Dein Studium. Ich hielt es schon für sicher, dass Du noch anderthalb Jahre in Europa (lache nicht) bleibst, ist das noch nicht sicher? Und gerade jetzt haben sie diese Frage entschieden? Nebenbei: Es ist doch unmöglich, dass Du jetzt schon einen Brief Deiner Eltern bekommen hast, in dem Du das Ergebnis der Unterredung Hugos mit Deinen Eltern findest, auch Hugos Frau, mit der ich heute sprach, hat bis jetzt keinen Brief von ihrem Mann in Jerusalem bekommen. Aber ich verstehe gut die Verwirrung, in der man auf einen entscheidenden Brief wartet, der die ganze Zeit herumirrt. Wie viele Male in meinem Leben habe ich in einer solchen Angst geglüht. Ein Wunder, dass niemand früher zu Asche wird als es in Wirklichkeit geschieht. Es tut mir sehr leid, dass auch Du so leiden musst, arme liebe Puah, aber inzwischen kommt schon der Brief, und alles ist gut.

Diesen Briefentwurf, adressiert an die 19-jährige Puah Ben-Tovim in Berlin, schrieb Kafka im Frühsommer 1923 in hebräischer Sprache (siehe Abbildung).

Puah Ben-Tovim (1903-1991) wurde in Jerusalem als Tochter russischer Einwanderer geboren. Im Herbst 1921 kam sie auf Empfehlung Hugo Bergmanns, eines Klassenkameraden Kafkas, nach Prag, um zu studieren. Bergmann leitete zu dieser Zeit die Hebräische Nationalbibliothek in Jerusalem.

Im Winter 1922/23 nahm Kafka privaten Hebräischunterricht bei Ben-Tovim. Er verfügte bereits über gute Grundkenntnisse des Hebräischen, die er sich überwiegend im Selbststudium angeeignet hatte, doch legte er Wert darauf, auch ein umgangssprachliches Vokabular zu erlernen. Eine Zeitlang erwog er ernsthaft die Auswanderung nach Jerusalem, wohin das Ehepaar Bergmann ihn eingeladen hatte, doch dieser Plan erwies sich schon aus gesundheitlichen Gründen als undurchführbar.

Mitte 1923 ging Puah Ben-Tovim nach Berlin, gegen den Willen ihrer Eltern, wie auch Kafkas Brief andeutet. Obwohl dann ab September auch Kafka in Berlin lebte, wurde der Hebräischunterricht nur kurzzeitig fortgeführt, dann brach der Kontakt ab.

Kafkas Notizhefte belegen, dass er ein ehrgeiziger und motivierter Schüler war, der jede Unterrichtsstunde sorgfältig vorbereitete. Auch die beiden erhaltenen hebräischen Briefentwürfe lassen erkennen, dass er seiner Lehrerin einen möglichst fehlerfreien Sprachgebrauch demonstrieren wollte. Allein die korrekte Schreibweise der hebräischen Vokabel für »Europa« kannte er nicht, er schrieb das Wort nach Gehör; daher seine Aufforderung »lache nicht«.

 

Quellen: Puah Menczel-Ben-Tovim, ›Ich war Kafkas Hebräischlehrerin‹, in: »Als Kafka mir entgegenkam ...« Erinnerungen an Franz Kafka, hrsg. von Hans-Gerd Koch, Berlin 1995, S. 165-167. – Hartmut Binder, ›Die Hebräischlehrerin Kafkas: Puah Ben-Tovim‹, in: Leben und Wirken. Unsere erzieherisches Werk. In memoriam Dr. Josef Schlomo Menczel 1903-1953, hrsg. von Puah Menczel-Ben-Tovim, Jerusalem 1983, S. 48-50.

Die deutsche Übersetzung von Kafkas Briefentwurf ist dem Aufsatz von Hartmut Binder entnommen.